Wir Kuckuckskinder

Cover Anatoli Pristawkin (Text)
Thomas Reschke (Übersetzung)
Wir Kuckuckskinder
Roman
Verlag Volk & Welt, 1990
ISBN: 978-335300765-0
235 Seiten
Originalsprache: Russisch

Preisträger 1991, Kategorie: Jugendbuch
Schlagworte: Geschichte <1944>, Gewalt, Ich-Erzählung, Kinderheim, Krieg <1939-1945>, Sowjetunion, Stalinismus

Jurybegründung

„Eigentlich weiß ich selber nicht, wie viele von uns nach dem ganzen Kuddelmuddel übriggeblieben sind. Fünf. Vielleicht sechs. Oder sieben. Jetzt sitzen wir in unserem Käfig und rufen 'Kuckuck'. Denn wir sind die Kuckuckskinder. So rufen sie uns in unserem ,Spez'. Und das ist gar nicht mal ein Symbol, sondern ein Name. Wir alle haben den selben Namen: Kukuschkin." Das ,Spez' ist ein Sonderkinderheim in der UdSSR gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, und die Kukuschkins sind Kinder unbekannter Herkunft. Am Ausgangspunkt des Romans, der zugleich den Endpunkt der Handlung markiert, haben sie sich in einen Schuppen verschanzt, der von Miliz umstellt ist. Sie ist offensichtlich bereit, auf die Kinder zu schießen. Die Binnenhandlung erzählt die Ereignisse, die zu der Rebellion der Kinder führen: Eines Tages wird die Identität der Kuckuckskinder radikal in Frage gestellt. Der Protagonist Sersch erfährt, dass er der Sohn eines im Lager umgekommenen Dissidenten ist. Auch die übrigen Kukuschkins sind Kinder von Volksfeinden und von der Heimleitung bewusst „chiffriert" worden. Eine Reise nach Moskau und weitere Ereignisse, die sich aus dem neuerworbenen Wissen um ihre Herkunft ergeben, offenbaren den Kuckuckskindern die Unwahrhaftigkeit, aber auch die Brutalität und den Hass der Erwachsenen. In ihrer Verzweiflung rebellieren sie gegen Not, Hunger und Lüge- und müssen dafür ihren eigenen Untergang in Kauf nehmen. In einer Zeit des Umbruchs in den osteuropäischen Staaten leistet dieses Buch des sowjetischen Autors Pristawkin einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung des Stalinismus und seiner Folgen. Es führt jugendlichen Lesern aus der Sicht beinahe Gleichaltriger die trostlose Realität in einem sowjetischen Kinderheim im Zweiten Weltkrieg vor Augen und ist ein provokantes Modellbeispiel dafür, wie ein totalitäres System mit den schwächsten Gliedern der Gesellschaft, den Kindern, umgeht. Gleichzeitig legt der Roman Zeugnis für den bedingungslosen Zusammenhalt der Kinder ab. Die Wirkung des Romans geht dabei von seiner literarischen und atmosphärischen Dichte und von der Korrespondenz zwischen Inhalt und Form aus. Die expressive, metaphorische Sprache lebt vom Kontrast zwischen drastisch-sarkastischer Ausdrucksweise und sensiblen, poetischen Textpassagen. Dem entspricht auf der Handlungsebene die reale Situation der Kuckuckskinder: Die Krassheit ihrer Handlungen und ihre derbe Sprache erscheinen als einzig mögliche Reaktion auf das Verhalten der Erwachsenen, die sie hungern lassen, betrügen, und schamlos ausnutzen. Der Härte der Außenwelt wird der innere Zusammenhalt der Gruppe entgegengesetzt: Einfühlsam lässt der Autor seinen Protagonisten den Charakter und die Eigenheiten jedes Einzelnen und die grenzenlose Solidarität der Kukuschkins schildern. Das „wir", im Titel der ausdrucksstarken deutschen Übersetzung exemplarisch hervorgehoben, symbolisiert die Einheit der Kinder in Abgrenzung zu ihrer Umwelt.



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