Jurybegründung

„Ich nehme meine Leser ernst. Und ich nehme die Demokratie ernst.“[1]
Gudrun Pausewangs umfangreiches, vielfältiges und oft politisch engagiertes Werk ist das einer von Beginn an für ihre Überzeugungen einstehenden Autorin. Nach literarischen Anfängen in den späten 1950er Jahren, die sich noch ausschließlich an Erwachsene richteten, wandte sie sich mit dem Märchen Hinterm Haus der Wassermann (1972) zunehmend der Kinder- und Jugendliteratur zu. In ihren Büchern setzt sie sich im Laufe der Jahrzehnte immer wieder von Neuem mit für sie wichtigen Themen auseinander: „Nie wieder Krieg. Nie wieder Diktatur. Elend in Südamerika. Schutz unserer Natur.“[2]  – Mit diesen Worten fasst sie zusammen, was sie als Schriftstellerin bis heute antreibt: Verantwortung für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Bekannt geworden ist Gudrun Pausewang vor allem durch ihre Texte, in denen sie sich gegen ökologische Bedrohungen einsetzt und vor den Gefahren der Kernenergie und den möglichen Folgen eines Nuklearkrieges warnt. Besonders hervorzuheben ist dabei ihr erfolgreichstes und wirkungsvollstes Buch Die Wolke (1987), übersetzt in 16 Sprachen und weltweit rezipiert. Dieser Jugendroman wirkt literarisch auch deshalb so überzeugend, weil Gudrun Pausewang darin eine Blase der Zerstörung mit einer noch so gut wie unversehrten Umgebung konfrontiert und auf diese Weise verschiedene Erfahrungshorizonte und Lebenswelten aufeinanderprallen lässt. Eine solche Herangehensweise zeigt sich auch immer wieder in ihren Erzählungen mit lateinamerikanischen Schauplätzen, in denen sie auf soziale Ungerechtigkeiten und eingeschränkte Chancen von Kindern und Jugendlichen der Unterschicht hinweist, etwa in Das Tor zum Garten der Zambranos (1988). Positive Gegenentwürfe zu diesen kritisch-engagierten Texten gelingen ihr mit Erzählungen für jüngere Leser, die sich gegen soziale Vorurteile und gegen Rassismus wenden wie zuletzt Der rote Wassermann (2015).
Schlüsselthema für das Schaffen Gudrun Pausewangs ist ihre Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus, die sie als Kind und Jugendliche selbst miterlebt hat. Während sie die völkisch-nationale Erziehung in ihrer Familie zunächst sehr positiv erlebt hatte und sie ihre ursprüngliche Begeisterung für Hitler auch nicht leugnet, wandelt sie sich durch die Erfahrungen von Flucht und Nachkriegszeit zu einer Kämpferin für Frieden und Freiheit, gegen totalitäre Ideologien und autoritäre Herrschaft jeglicher Form.
Die Aufarbeitung jener Zeit hat einige ihrer eindrucksvollsten Bücher hervorgebracht. Ihre eigene Familiengeschichte hat sie in den ersten beiden Bänden der Rosinkawiese-Trilogie (1980/1990) detailliert nachgezeichnet. In Reise im August (1992) schildert sie aus der Sicht des elfjährigen jüdischen Mädchens Alice die Fahrt eines Zugwaggons nach Auschwitz und den Gang in die Gaskammer. Auf engstem Raum erlebt die Protagonistin mit, wie sich die Spielregeln des ihr vertrauten bürgerlichen Lebens und der Zivilisation Schritt für Schritt auflösen. Auch im kleineren Format glücken Gudrun Pausewang literarisch überzeugende Texte, wie in dem Kurzgeschichtenband Ich war dabei. Geschichten gegen das Vergessen (2004), der zeigt, wie sehr sich die menschenverachtende NS-Ideologie in den Köpfen der Menschen breit gemacht hat. Selbst in einem späten Werk wie Der einhändige Briefträger oder ein Herbst, ein Winter, ein Frühling (2015) findet Gudrun Pausewang in Gestalt des 17-jährigen Briefträgers Johann eine ungewöhnliche Perspektive, um von der alltäglichen Verzweiflung und dem Schrecken, aber auch dem Hoffnungsfunken der letzten Kriegsmonate zu erzählen. Diese Vergangenheit darf und soll nicht fern bleiben, sondern gegenwärtiges und zukünftiges Handeln leiten. Entsprechend finden die Geschehnisse der NS-Zeit auch Eingang in den dystopischen Jugendroman Der Schlund (1993), in dem Gudrun Pausewang ein beklemmendes Szenario vom politischen Erstarken einer rechten Partei in Deutschland entwirft.
Ein dauerhaft glückliches Ende kann Gudrun Pausewang ihren Figuren nicht garantieren: In vielen ihrer Werke schreibt sie fern jeder harmonisierenden Beschwichtigungspädagogik. Aber wer Kindern und Jugendlichen historische Wahrheiten und Zukunftsgefahren nicht vorenthält, spricht auf Augenhöhe zu ihnen. Diesen Anspruch hat Gudrun Pausewang schon früh, vor ihrer Karriere als Autorin, formuliert: „Wenn ich später einmal Schriftstellerin werde, will ich meine Leser ernst nehmen – egal, wie alt sie sind.“[3] Dieses Versprechen hat sie in ihrem Schreiben immer wieder aufs Neue eingelöst und damit Generationen von Autorinnen und Autoren beeinflusst – und unzählige junge Leserinnen und Leser darin bestärkt, aktiv die Zukunft mitzugestalten, für Frieden, Freiheit und Toleranz einzustehen und für eine lebendige Demokratie zu kämpfen.
Aus diesen Gründen sprechen wir Gudrun Pausewang für ihr Gesamtwerk den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises 2017 zu und gratulieren ihr dazu von ganzem Herzen!

Sonderpreisjury 2017
Dr. Gundula Engelhard
Dr. Cornelia Rémi
Ralf Schweikart (Vorsitzender)
 
[1] Pausewang, Gudrun: „Solange ich lebe, werde ich warnen“. Auf: Spiegel online vom 17. März 2011 (online unter: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/die-wolke-autorin-pausewang-solange-ich-lebe-werde-ich-warnen-a-751287.html)
[2] Ebda.
[3] Fink, Pierre-Christian: „Jugendbücher ohne heile Welt. Pausewang wird 80.“ Auf: n-tv.de vom 3. März 2008 (online unter: http://www.n-tv.de/leute/Pausewang-wird-80-article252966.html)