Jurybegründung

Sabine Friedrichson erhält im Jahr 2015 den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für ihr Illustrations-Gesamtwerk. Damit rundet sich die Karriere der 1948 in Hamburg geborenen Künstlerin, denn schon mit ihrem Debüt aus dem Jahr 1971, den Illustrationen zu Weißes Pferd, schwarzer Berg, gelangte sie damals auf die Auswahlliste des Deutschen Jugendliteraturpreises. Gewinnen allerdings sollte sie die Auszeichnung trotz mehrfacher weiterer Nominierungen bislang nie.
Die schwarzweißen Bilder zu den irischen Kindergeschichten ihres Debüts zeigten prägende Einflüsse auf die junge Zeichnerin, die gerade das Illustrationsstudium bei Wilhem M. Busch an der Fachhochschule für Gestaltung in ihrer Heimatstadt beendet hatte: Man erkennt Aubrey Beardsley, Max Klinger, Katsushika Hokusai. Doch die Übernahmen aus deren Bildsprachen erfolgte nicht epigonal, sondern höchst kreativ: Sabine Friedrichson erschuf damit etwas Neues, auf dem sie in den Folgejahren aufbaute. 1972 erschien die von ihr illustrierte deutsche Ausgabe von Edith Nesbits Psammy sorgt für Abenteuer, 1973 Clyde R. Bullas Weißer Rabe mit Friedrichsons Bildern, 1975 die Märchen der Eskimo und 1976 schließlich der Band Es handelt sich um Anna von Rose Lagercrantz. Mit diesen Projekten vervollkommnete Sabine Friedrichson ihren realistischen Illustrationsstil, der vor allem in den individuellen Figurenzeichnungen zu großer Meisterschaft fand. Danach wagte sie sich an ihr erstes eigenständiges Buchvorhaben: eine Auswahl ihrer Lieblingsmärchen, die 1979 unter dem Titel Fundevogel erschien und den Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis gewann.
Mit diesem Band bewies Sabine Friedrichson ihre Originalität. Jedes der Märchen wird durch eine doppelseitige Illustration eingeleitet, die als Diptychon konzipiert ist und gerade aus dieser Teilung ihren ästhetischen Reiz zieht. So vielfältig wie die aus klassischen Märchensammlungen, aber auch exotischen Quellen ausgewählten Texte sind die benutzten grafischen Formen; mit Der Glasball findet sich selbst eine rein schwarzweiß illustrierte Episode, die Friedrichson 16 Jahre später noch einmal separat, wesentlich erweitert und farbig überarbeitet, veröffentlichen sollte. Solches Perfektionsstreben über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte hinweg ist ein typisches Merkmal ihrer Arbeit. Mit bislang insgesamt 17 Buchpublikationen ist ihr Gesamtwerk entsprechend schmal.
Doch immer wieder neu hat sie darin ihr künstlerisches Können und die herausragende intellektuelle Qualität ihrer grafischen Interpretationen unter Beweis gestellt. Friedrichsons Bilder sind von einmaliger atmosphärischer Wirkung bei größter Akribie in Ausführung und Recherche. Bei aller Stilvielfalt verfügt die Künstlerin über eine jederzeit wiedererkennbare ästhetische Handschrift, deren Detailreichtum die Betrachter in seinen Bann schlägt und bei wiederholter Lektüre stets weitere Entdeckungen ermöglicht. Sabine Friedrichson schafft aber gerade auch Phantasieräume, indem sie den Bildraum öffnet. Angeschnittene Motive und Darstellungen von Details statt des großen Ganzen sind ein Charakteristikum ihres Zeichnens, durchs Weglassen macht sie die Betrachter zu Mitillustratoren.
Mit Hans Christian Andersens Märchen fand Sabine Friedrichson 1982 den für sie in der Folge wichtigsten Autor, mit dessen Schaffen sie sich zur Vorbereitung der Illustrationen derart intensiv beschäftigte, dass nach einer zweiten, diesmal selbst besorgten zweibändigen Auswahl (1985) im Jahr 2005 noch eine von ihr und ihrem langjährigen Verleger Hans-Joachim Gelberg zusammengestellte Auswahl aus Andersens Lebensgeschichte folgte, die den bisherigen Gipfelpunkt der Friedrichsonschen Kunst bildet. Der Titel dieses Buchs, „Das Leben ist das schönste Märchen, denn darin kommen wir selber vor“, kann genauso gut auch auf den Beitrag Sabine Friedrichsons dazu angewendet werden, denn die 46 Illustrationen in den unterschiedlichsten Formaten (von der Vignette bis zur Doppelseite) sind ein höchst persönliches Werk, das im Schaffen der Künstlerin nur in Fundevogel eine Parallele hat.
Mit Büchern von Peter Härtling (Jakob hinter der blauen Tür, 1983), David Grossmann (vier Joram-Geschichten in zwei Bänden, 1990 und 1991) und Josef Guggenmos (Groß ist die Welt, 2006) hat sich die Künstlerin auch zeitgenössischen Autoren zugewandt, dazwischen aber mit Carlo Collodis Pinocchio (1988, als Taschenbuch 2003) einen bereits vielfach illustrierten Kinderbuchklassiker auf eine Weise neu bebildert, die jenseits aller Klischees der Geschichte geblieben ist und trotzdem eine tiefvertraute Motivwelt geschaffen hat.
Sämtliche von Sabine Friedrichson illustrierte Werke weisen eine extrem sorgfältige Ausstattung auf, die seit 1982 häufig von ihrem Ehemann Ralf Mauer typografisch betreut wird. Durch dieses Zusammenspiel ist ein zusätzliches Erkennungsmerkmal entstanden, und die kontinuierliche Zusammenarbeit mit dem Verlag Beltz & Gelberg trägt ein Übriges zur einheitlich hohen Qualität ihrer Buchveröffentlichungen bei. Das jüngste von Sabine Friedrichson illustrierte Werk liegt mittlerweile bereits sieben Jahre zurück: 2008 erschien im Verlag S. Fischer Marie Hamsuns Die Langerudkinder. Nur vier Farbtafeln sind neben dem Titelbild darin enthalten, doch noch einmal hat die Zeichnerin den ganzen Zauber ihrer Kunst entfaltet. Seitdem arbeitet sie an einer illustrierten Ausgabe von E.T.A. Hoffmanns Nussknacker und Mausekönig, die im Herbst 2016 im Tulipan Verlag erscheinen wird.
Es war an der Zeit, Sabine Friedrichson endlich den längst verdienten Deutschen Jugendliteraturpreis zuzusprechen.