Jurybegründung

 

Erinnern Sie sich noch, wie das war, als der peruanische Autor Mario Vargas Llosa den Literaturnobelpreis bekam? Das war im Jahr 2010. Die üblichen Reaktionen, Freude oder Befremden, blieben aus, eher war ein ungläubiges Staunen zu beobachten. „Was, der? Hat der den nicht schon längst?“, so ungefähr hörte man das immer wieder. Daran fühlten wir von der Jury uns erinnert, als wir mit der Arbeit anfingen. Denn als wir unsere vorläufige Liste mit „verdienten Persönlichkeiten“ zusammenstellten und uns fragten: „Wer soll in diesem Jahr den Sonderpreis für das Gesamtwerk Übersetzung bekommen, wen würdest Du vorschlagen?“, tauchte mehrfach auch der Name von Angelika Kutsch auf, und fast immer sagte einer von uns: „... aber die hat den Preis, glaub ich, schon längst.“
Nein. Sie hat nicht. Genauer gesagt, sie hatte nicht. Jetzt hat sie ja, endlich. Nach so vielen Jahren unermüdlichen Einsatzes wurde das wirklich Zeit.
Angelika Kutsch ist als Autorin, Übersetzerin, Herausgeberin und auch als Verlagsfrau schon so lange tätig, dass es manch später Hinzugekommenen erscheinen mag, als sei sie immer schon da gewesen. Skandinavische Jugendliteratur steht im deutschsprachigen Raum in hohem Ansehen, und auch das scheint „immer schon so“ gewesen zu sein. Doch der Schein trügt. Wenn wir in die goldenen Jahre der Übersetzungen aus den nordischen Sprachen zurückgehen, so um 1900 herum, als so gut wie alles aus dem Norden ins Deutsche übersetzt wurde – und als die zwei jungen deutschen Autoren Johannes Schlaf und Arno Holz ihr erstes Buch unter einem norwegischen Pseudonym veröffentlichten, weil sie nur so Hoffnung auf mediale Aufmerksamkeit haben konnten – fällt bei den Unmengen von heute vielfach vergessenen Übersetzungen die Kinder- und Jugendliteratur durch fast vollständige Abwesenheit auf. Es wurde auch später nicht viel besser, lange Zeit waren Marie Hamsuns Langerudkinder so ungefähr die einzige Ausnahme.
Gehen wir weiter zur Nachkriegszeit, finden wir Astrid Lindgren, aber nicht so sonderlich viel anderes. Selbst die heute so allgegenwärtige Muminfamilie der Finnlandschwedin Tove Jansson, die die ersten Mumingeschichten bereits in den 1940er Jahren veröffentlichte, musste den Umweg über das Fernsehen und die Augsburger Puppenkiste nehmen, um hierzulande einen gewissen Bekanntheitsgrad zu erlangen. Doch dann kam Angelika Kutsch.
Die Liste ihrer Veröffentlichungen ist lang und beeindruckend, einzelne Titel herauszusuchen, die die Bedeutung ihrer Vermittlungsarbeit belegen, erscheint fast unmöglich, wo anfangen? Wo enden? Reicht nicht der Hinweis, dass sie Pettersson und Findus durch ihre Übersetzungen nach Deutschland geholt hat? Oder Linnéa und ihren Blumengarten? Sehen wir uns lieber die Laufbahn dieser Kulturvermittlerin an.
Geboren wurde Angelika Kutsch in Bremerhaven, das liegt am Wasser, ist weltoffen, schürt das Fernweh und sicher auch die Lust auf fremde Sprachen. Zu erwarten wäre nun ein entsprechendes Studium, ein irgendwie zielgerichteter Werdegang, vielleicht sogar eine Form von Berufung, der Wunsch, diese wunderbare Literatur, die man durch das Studium kennenlernt, nun auch nach Deutschland zu holen. Aber war das so?
Ein Blick ins Internet lässt ahnen, dass es nicht so war. „Angelika Kutsch arbeitete nach dem Besuch einer Handelsschule mehrere Jahre als Büroangestellte“, lesen wir bei Wikipedia. „Aus persönlichen Gründen lernte sie Schwedisch und hielt sich wiederholt in Schweden auf.“ Das klingt strohtrocken und gar nicht so recht nach einem Damaskuserlebnis. Sie selbst erzählt ein bisschen mehr. Dass sie 1958 erstmals in Stockholm war und am Kornhamnstorg an einem Haus mit blinden Giebelfenstern hochschaute. Das war das Traumhaus, dort wollte sie irgendwann als Künstlerin einziehen, Bücher schreiben, übersetzen, vielleicht auch malen, noch war alles offen. Eingezogen in dieses Haus ist sie nie, doch inzwischen hat sie erfahren, dass dort einst der große schwedische Liederpoet Ewert Taube gewohnt hat, und vielleicht hat er als eine Art Schutzpatron für das weitere Schaffen der jungen Angelika fungiert. 1958 war das, und sie konnte schon Schwedisch. Das hatte sie sich selbst beigebracht, als sie damit anfing, war sie so ungefähr 13, und worin die Initialzündung bestand, lässt sich nicht mehr ermitteln. Jedenfalls hörte sie mit Begeisterung im Radio den Sender Höör, knisternd und knackend, wie das damals so war mit dem Radio, abends ging es besser, so ab 22 Uhr – also dann, wenn andere Radio Luxemburg hörten, oder englische Piratensender, um ein bisschen gute Musik mitzukriegen. Sie pilgerte kilometerweit zum Hauptbahnhof, um sich schwedische Zeitungen zu kaufen, das Geld dafür hatte sie als Babysitterin bei amerikanischen Familien verdient. Sie nahm nur Aufträge von Familien mit sehr kleinen Kindern an, denn mit denen brauchte sie kein Englisch zu reden und konnte ihnen die Lektionen aus Schwedisch für Anfänger vortragen. Sie lungerte am Hafen herum, denn es könnten ja schwedische Seeleute vorbeikommen, bei denen sie im Vorübergehen ein paar schwedische Brocken aufschnappen könnte, und irgendwann konnte sie dann nach Schweden fahren. Sie fand nicht nur ihr Traumhaus, sondern las auch ihr erstes schwedisches Buch: Sie tanzte nur einen Sommer, also durchaus kein Jugendbuch. Aber es stand gerade im Regal vor ihrer Nase, und sie konnte es auf Deutsch ohnehin fast auswendig.
Nach diesem fulminanten Einstieg in die schwedische Literatur dauerte es aber noch eine Weile, bis es mit Angelika Kutschs Karriere als Übersetzerin so richtig losging. Die Handelsschule wurde ja schon erwähnt, die Arbeit als Büroangestellte, bei Schiffswerft und Versicherung, um nur zwei Arbeitsplätze zu nennen, und irgendwann schrieb sie ein Jugendbuch: Der Sommer, der anders war, das war 1966. Es spielte, natürlich, in Schweden, das zweite Buch Abstecher nach Jämtland (1970) ebenfalls, und so überzeugend sind darin die schwedischen Verhältnisse geschildert, dass sie bei einer Schullesung von den erstaunten Kindern gefragt wurde, wieso sie denn so gut Deutsch spreche. Doch dann, endlich, ging es ans Übersetzen. Die legendäre Verlegerin Christa Spangenberg war offenbar auf der Suche nach neuen Begabungen – und eröffnete das Akquisitionsgespräch mit den Worten: „Sind Sie das, die da so gut in der Süddeutschen besprochen wird?“ Und der Rest ist Geschichte, könnte man fast sagen.
Angelika Kutsch hat weiterhin Bücher geschrieben, für Man kriegt nichts geschenkt wurde sie 1975 mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Zum Glück für uns lag dann aber bald ihr Schwerpunkt auf dem Übersetzen, nicht weniger als 36 Nominierungen für den Deutschen Jugendliteraturpreis sprechen da eine deutliche Sprache. Bilderbücher, Sachbücher für Jugendliche, Romane für alle Altersklassen und auch Abstecher in die Welt der so genannten Erwachsenenliteratur (als Beispiel seien hier die Krimis von Åke Edwardsson erwähnt, während wir diese Jurybegründung schreiben, sitzt unsere Preisträgerin gerade an seinem neuesten), ab und zu auch Ausflüge in die dem Schwedischen benachbarten Sprachen Dänisch und Norwegisch. Aus allem ergibt sich inzwischen die beeindruckende Veröffentlichungsliste, die auf unsere Begründung folgt.
Angelika Kutsch trifft für jeden dieser vielfältigen Texte den richtigen Ton. So sprechen etwa Petterson und Findus genauso, wie sie auf Deutsch eben sprechen müssen: Kutsch findet scheinbar simple, wunderbar lakonische und eingängige Formulierungen, die man immer wieder vorlesen, hören, oder gemeinsam aufsagen kann. Sie wird damit aufs Beste der Forderung nach Vorlesbarkeit und stimmigem Rhythmus gerecht, die Vorlesende und kleine Zuhörerinnen und Zuhörer zu Recht an Bilderbücher stellen.
Findusʼ Ankunft bei Petterson ist ein eindrückliches Beispiel für diese besondere Übersetzungskunst. Dort sagt Petterson zu dem kleinen Kater – und gerade der Bruch im ersten Satz macht diesen so kindgerecht: „,Hej, Findus grüne Erbsen‘, sagte Pettersson, und er hatte ein Gefühl, wie wenn man an einem Sommermorgen das Rollo hochzieht und das warme Sonnenlicht strömt herein. ‚Ich heiße Petterson und das ist meine Küche. Hier sollst du jetzt wohnen. Möchtest Du Kaffee haben?‘“
Das aktive und zweifellos ermutigende Vorgehen von Christa Spangenberg war offenbar auch in einer anderen Hinsicht von Bedeutung: Es ist nicht unbedingt die Regel, dass erfolgreiche, etablierte Übersetzerinnen und Übersetzer bereit sind, sich um Nachwuchskräfte zu kümmern, Rat zu spenden, mit Tat zur Seite zu stehen, wenn sie die Möglichkeit haben, jungen Kolleginnen und Kollegen auch mal eine Chance zu geben. Die Liste derer, die das nicht tun, wäre länger als die der Hilfsbereiten, wenn wir sie denn aufstellen wollten. Eine Szene, wie sie eine inzwischen etablierte Kollegin erzählt, ist dagegen typisch für Angelika Kutsch. Die Nachwuchsübersetzerin hatte ihr allererstes Gutachten geschrieben und darin auch einige Abschnitte aus dem betreffenden Buch übersetzt. Das Gutachten gelangte an Angelika Kutsch, die damals in einem Verlag tätig war. Und es kam ein Anruf: „Das haben Sie ja wunderbar gemacht“, sagte Angelika Kutsch, „Darf ich Sie denn gleich mal als Übersetzerin weiterempfehlen?“
Dieses eine Beispiel müsste doch genügen. Eine lange Liste hervorragender Übersetzungen, dazu eine Vermittlungstätigkeit, ohne die die schwedische Kinder- und Jugendliteratur niemals die Bedeutung hätte erlangen können, die sie auf dem deutschsprachigen Markt heute hat, dazu freundliche Hilfe und guter Rat für den übersetzerischen Nachwuchs – das waren für uns Gründe genug, um den Sonderpreis für das Jahr 2014 an den Vargas Llosa der deutschen Jugendbuchübersetzung zu geben. An Angelika Kutsch!
 
Sonderpreisjury 2014
Agnes Blümer
Dr. Gabriele Haefs (Vorsitz)
Claas Kazzer