Jurybegründung

„Es würde mich freuen, wenn französische Kinder- und Jugendliteratur bei uns stärker zur Kenntnis genommen würde. Wenn ich dazu etwas beitragen kann, wäre das schön.“ – So äußert sich Tobias Scheffel 2008 in einem Interview (JuLit 4/2008), nachdem der von ihm übersetzte Roman Simpel der Französin Marie-Aude Murail bei der Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises mit dem Preis der Jugendjury ausgezeichnet worden ist.

Die französische Kinder- und Jugendliteratur ist hierzulande im öffentlichen Bewusstsein wenig präsent, breite Rezeptionslinien wie etwa zwischen Skandinavien, Großbritannien oder den USA und dem deutschsprachigen Raum existieren nicht in vergleichbarer Form. Ein Übersetzer französischsprachiger Kinder- und Jugendbücher kann dementsprechend durch seine Werke die Wahrnehmung der Ausgangskultur entscheidend mitprägen: Tobias Scheffel ist dies gelungen. Er nimmt seine Aufgabe als Kulturvermittler ernst – und beweist dabei einen außerordentlichen Sinn für sprachliche Ästhetik, für die Möglichkeiten und Grenzen von Kulturtransfer und für die Rezeptionsbedingungen innerhalb der Zielkultur. In den von äußerster Präzision und großer Kreativität geprägten Übersetzungen verschiedenster Genres verleiht er seinem bemerkenswerten Kultur- und Sprachgefühl souverän Ausdruck.

Als ausgezeichneter Übersetzer renommierter französischer Autoren der Allgemeinliteratur (für sein übersetzerisches Werk erhält er 2005 den erstmals verliehenen Eugen-Helmlé-Preis für „herausragende Übersetzungsleistungen aus dem Französischen“) hat sich Tobias Scheffel unter anderen durch seine Übersetzung der Briefe von Gustave Flaubert an George Sand sowie als „deutsche Stimme“ von Robert Bober und als Übersetzer der in Deutschland zu Bestsellern gewordenen Kriminalromane von Fred Vargas erwiesen. Gleichzeitig umfasst sein über 100 Titel aufweisendes Werk ein breites Spektrum kinder- und jugendliterarischer Texte, die ihrerseits mehrfach für Kinder- und Jugendbuchpreise nominiert wurden: symbolisch-poetische, oft humorvolle und fast immer mit wenigen treffenden Worten die kindliche Perspektive nachvollziehende Bilderbücher, aufwändig produzierte und lehrreiche Sachbücher für Kinder und Jugendliche, breit erzählte Fantasy-Romane und die dichten, von skurrilen Typen durchzogenen Jugendromane von Marie-Aude Murail machen den Hauptanteil seiner Übersetzungen aus. Daneben stehen Märchen- und Sachbuchparodien, die Scheffels zielsichere Ironie in besonderer Weise zur Geltung bringen.
 
Den Ruf einer innovativen und als ästhetisch anspruchsvoll geltenden französischen Bilderbuchkultur vermochte Tobias Scheffel unter anderem mit seinen Übersetzungen der französischen Künstlerin Anaïs Vaugelade zu stärken. Der durch den lakonischen Sprachstil evozierte Schwebezustand in ihrer Bilderbuch-Fabel Steinsuppe, welcher keine eindeutigen Schlüsse über die Hinterlistigkeit, Naivität oder Arglosigkeit jedes einzelnen der an der Zubereitung einer „Steinsuppe“ beteiligten Tiere zulässt, wird besonders durch die gekonnte Kombination aus stereotypen Gesprächsfloskeln der vom Wolf bekochten Tiere und relativ neutralen, aus der Beobachterperspektive formulierten Szenenanweisungen geprägt, welche gleichwohl unterschwellig immer die unterschiedlichen Perspektiven der Beteiligten mitschwingen lassen. Durch fein justierte Idiomatik bei gleichzeitig minimalem Wortaufwand gelingt es Scheffel, diese verschiedenen Ebenen in der deutschen Übersetzung ebenso zu offenbaren wie dies das Original vorführt. Das klare Gespür für die kindliche Perspektive zeigt der Übersetzer auch in der kulturellen Adaption von Personenbeschreibungen und Namen wie in Kristin Aertssons Schmusekönigin, in der Imitation der kindlichen Perspektive wie in Michel Gays Zeo-Büchern oder in der gekonnten Umsetzung kindersprachlicher Wendungen und Reime wie in den Rita-und-Dingsda-Büchern von Jean-Philippe Arrou-Vignod und Olivier Tallec. Durch besondere Poetik zeichnet sich Anne Herbaults Die Stunde des Herrn Blau aus, bei dessen Übertragung ins Deutsche Scheffel den Eindruck des fließenden Sprachrhythmus’, der im Französischen durch das im Deutschen unübliche Stilmittel der Partizipialkonstruktion zustande kommt, durch virtuose Anpassung der Syntax und präzisen Einsatz von Wiederholungen auch in der Übersetzung meisterlich nachvollzieht. Dabei erweist ein vergleichender Blick in das 2010 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominierte Sach-Bilderbuch An Großvaters Hand von Cheng Jianghong, dass dasselbe Stilmittel im Französischen auch im Sinne extremer Informationsverdichtung gebraucht werden kann – Tobias Scheffel entscheidet sich hier für einen knappen, parataktischen Stil und erwirkt so auch im Deutschen den Eindruck von der Kargheit und Nüchternheit des beschriebenen Lebens.
 
Eine Sonderstellung innerhalb des Bilderbuchwerks nimmt die seit 2007 neu aufgelegte Barbapapa-Reihe (Talus Taylor/Annette Tison) ein: Im Vergleich zwischen den ursprünglichen, aus den siebziger Jahren stammenden deutschen Versionen und den Neuübersetzungen von Tobias Scheffel fällt auf, wie sehr der französische Bilderbuchklassiker unter der erläuternden, pädagogisierenden deutschen Feder gelitten hat. Dass den Barbapapas der Winter – wie Taylor/Tison und Scheffel übereinstimmend bemerken – „endlos lang“ vorkommt, so dass sie beschließen, in die Ferien zu fahren, hielt man zum Zeitpunkt der Erstübersetzung offenbar nicht für kinderliterarisch angemessen: „Familie Barbapapa hatte das ganze Jahr über hart gearbeitet und dringend Urlaub nötig“ – so erklärt es die deutsche Erstausgabe. Da ließe sich viel über das kulturelle Selbstverständnis von Ausgangs- und Zielkultur philosophieren. Wichtig ist aber vor allem, dass die Neuübersetzungen nicht nur inhaltlich, sondern auch im Tonfall entscheidend modifiziert worden sind. Wie gut den Barbapapas Scheffels flotte, treffsichere, gleichsam „punktgenaue“ Modernisierung tut, merkt jeder, der sich in deutschen Buchhandlungen und Kindergärten umsieht: Plötzlich sind die Barbapapa-Figuren wieder „in“!
 
Eine besondere Herausforderung für einen Übersetzer stellen die Romane von Marie-Aude Murail dar, allen voran das eingangs erwähnte Jugendbuch Simpel, das zusätzlich zur komplexen Registerführung, die fast schon als Murails Markenzeichen gesehen werden kann, eine Fülle an Wort- und Sinnschöpfungen bereithält, die einen Übersetzer wirklich auf den Prüfstand stellen. Murails Figuren zeichnen sich durchweg durch ihre Sprachverwendung aus: Da gibt es beispielsweise in Von wegen, Elfen gibt es nicht die lebenspraktische, Bücher liebende Erzählerin, deren pubertierenden, provozierend auftretenden Sohn, den umständlichen, sich ständig räuspernden Chef und natürlich den Hauself, der nicht nur nicht ganz korrekt spricht, sondern zudem auch gern haarscharf am eigentlichen Wortsinn vorbei argumentiert. Man hört Murails Figuren in ihren Romanen förmlich sprechen – und das im Original ebenso wie in der deutschen Übersetzung. Ein großes Verdienst von Tobias Scheffel ist seine hohe Sensibilität dafür, wie Menschen – vor allem Jugendliche – verschiedener Provenienz wirklich sprechen. Seine Übersetzungen von Jugendsprache wirken nie bemüht, er scheint dem Zielpublikum ganz offensichtlich „ein Ohr zu leihen“, bevor er ihnen ihre Sprache zurückspiegelt. Murails (Anti?-)Held Simpel, der geistig behinderte WG-Bewohner, fordert seine Mitbewohner durch seine Besessenheit von „Mänzeln“ im Telefon heraus – gemeint sind kleine Männchen (im Französischen bonhommes), von Murail als „beau d’homme“ bezeichnet, ein Begriff, den es nicht gibt, dessen Sinn jedoch erschließbar ist. Simpel denkt sich aber auch völlig neue Ausdrücke aus, beispielsweise, wenn er seinen „Quasidongbrung“ (Scheffels Lautübertragung von „quasitonbruk“) feiert, und er ordnet die Namen der Personen, die er trifft, gerne ihrer Funktion zu: Madame Ugendamm (frz. Sossio) vom Jugendamt (frz. agence sociale) oder Madame Chémel, deren Name für Simpel nach einem kleinen Hocker klingt und die im französischen Original Tabouré (le tabouret = der Schemel) heißt. Die Feinheiten des minutiösen Eintauchens Scheffels in das Universum von Murails Simpel geht so weit, dass er selbst kleinste, scheinbar im Vorbeigehen fallengelassene grammatikalische Unsauberkeiten wie „des chevals en statue“ (statt „chevaux“) für die Reiterstatuen auf der Straße konsequent mit „die Pferdedenkmalen“ übersetzt und damit ein Höchstmaß an Authentizität erreicht.
 
Scheffel hat ganz offensichtlich Freude an kreativem Umgang mit Sprache und an intelligentem Wortwitz, betrachtet man seine Version des Elternkatalogs von Claude Ponti und versucht, sich zwischen den Modellen „Allesumschlinger“ (les enveloppants), „Nurdieruh“ (les trankilous) und „Derdickezuerst“ (le kostodabor) zu entscheiden. Neben der Verballhornung von Garantie- und Gebrauchsanweisungsvokabular imitiert Scheffel auch den zur Zielkultur passenden Formularstil so perfekt, dass man fast vergisst, dass es sich beim Elternkatalog tatsächlich um eine Übersetzung handelt. Letzteres gilt im Übrigen auch für die von Oscar Brenifier verfasste, philosophische Sachbuchreihe für Kinder (Gut und Böse – was ist das? und weitere Titel).
 
Dass es vor dem Hintergrund solch phantasiereicher und espritgeladener Texte fast schon nicht mehr erwähnenswert scheint, dass Scheffel auch bei weniger herausfordernd erzählten, sprachlich konventionelleren Romanen wie Cathérine Cléments Theos Reise oder Timothée de Fombelles Tobie Lolness und Vango – zwischen Himmel und Erde mit großer Sorgfalt dem Stil des Ausgangstextes entsprechend arbeitet, kann in diesem Fall wohl als Kompliment gelten: Die „üblichen Schwellen“ bei den Fragen nach kultureller Adaption, fremdsetzender oder assimilierender Übersetzung überwindet Scheffel so elegant, dass sie gleichsam nicht vorhanden scheinen. Seine Übersetzungen wirken grundsätzlich selbstverständlich, sie lesen sich flüssig und stimmig und geben gleichzeitig mit großer Sensibilität die Grundstimmung des Ausgangstextes wieder.
 
Ein besonderer Reiz mag es für einen Übersetzer sein, wenn er in seinem Metier tatsächlich einmal weiter gehen und mit größeren Freiheiten einen Text ins Deutsche übertragen darf. Der deutschen Ausgabe des ganz auf die Vermittlung eines nachhaltigen Umgangs mit der Welt ausgerichteten Fotobandes Die Erde, die uns trägt von Alain Serres (der französische Verlag wirbt damit, „im Vorbeigehen 100 Fachbegriffe“ zu erklären) wurde von Tobias Scheffel ein poetisch-philosophischer Grundton unterlegt, wobei unter Beibehaltung des appellativen Textcharakters statistische Informationen und fachwissenschaftliche Termini zugunsten von zum jeweiligen Foto passenden allgemeinen Reflexionen über das Verhältnis des Menschen zur Natur gekürzt wurden. Das Werk wirkt dadurch literarischer als das Original, was seiner Qualität als Gesamtkunstwerk keinen Abbruch tut. Auch dafür steht der Name Tobias Scheffel.
 
Tobias Scheffels übersetzerisches Werk ermöglicht im deutschen Sprachraum die Wahrnehmung ästhetisch komplexer und in verschiedener Hinsicht innovativer Werke der französischen Kinder- und Jugendliteratur. Er eröffnet dem deutschen Lesepublikum damit einen Zugang zu einer Kultur, deren Prestige auf dem Gebiet der Allgemeinliteratur bislang ihren Ruf auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendliteratur weit übertrifft. Gerade aus dieser Situation heraus ist es bemerkenswert, wenn ein renommierter Übersetzer sich so dezidiert für die Vermittlung französischer Kinder- und Jugendliteratur im deutschen Sprachraum einsetzt. Davon, dass Tobias Scheffel seinen Beruf auch als Mission sieht, zeugt sein öffentliches Engagement für die Belange von Übersetzern sowie seine Mentoren- und Referenten-tätigkeiten auf dem Gebiet des literarischen Übersetzens.
 
Der Sonderpreis für Tobias Scheffels übersetzerisches Werk soll in diesem Sinne nicht nur als Anerkennung seiner übersetzerischen Leistungen, sondern auch als Anerkennung seiner mit seiner Arbeit geleisteten Verdienste um die Vermittlung französischer Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland verstanden werden. Einen Meilenstein auf dem Weg zu seinem selbst formulierten Ziel – die französische Kinder- und Jugendliteratur hierzulande bekannter zu machen – hat er erreicht. Wir hoffen, dass er ihn als Wegweiser versteht – und weiter geht!