Jurybegründung

Bereits für ihr Debüt Bitterschokolade erhielt Mirjam Pressler 1980 den Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis. Sie profilierte sich damit als wesentliche Stimme einer antiautoritären Jugendliteratur. Es folgten Romane, die heute zu den Klassikern zu zählen sind und deren „beschädigte Kindheiten“ ihre Aktualität und Brisanz behalten haben.

Neben ihrem Engagement als Übersetzerin und damit als „Botschafterin“ einer internationalen Jugendliteratur entwickelte Mirjam Pressler ein breites Oeuvre, das Bilderbuchtexte und altersübergreifende belletristische Romane umfasst.

Mit Beginn der 90er Jahre erweiterte die Autorin ihren Blick auf jüdische Kindheiten während des Holocaust in Europa. Insbesondere im Leben und Werk der Anne Frank fand sie eine generationsübergreifende Symbolfigur. Die Beschäftigung mit ihren Tagebüchern und die Herausgabe der Briefe aus dem Familienumfeld (Grüße und Küsse an alle, S. Fischer 2009) half, Anne Frank der heutigen Lesergeneration nahe zu bringen und damit eine Ikonisierung aufzubrechen. Parallel dazu nutzte sie literarische Vorlagen und Stoffe der Weltliteratur, wie der Golem, der Kaufmann von Venedig oder die Ringparabel in Nathan der Weise, um sich mit literarischen Mitteln für eine kulturelle Völkerverständigung einzusetzen. Mit ihrem aktuellen Roman Nathan und seine Kinder, der aus unterschiedlichsten Figuren-Perspektiven historische Quellen lebendig macht und dabei immer das Gegenwärtige im Blick behält, wirbt Mirjam Pressler für die wohl zentralste Frage unserer Zeit: religiöse Toleranz.