Jurybegründung

Nachhaltig. Jutta Bauers Bilder, Cartoons und Illustrationen bleiben im Kopf, viele einzelne, aber auch die Bilderfolge einer Geschichte. Sie entlarven nicht, sie sind nicht hinterhältig, sie beschreiben, was eine Frau mit hervorragender Beobachtungsgabe aus der Wirklichkeit mitnimmt, wie sie es verarbeitet und dann pointiert und mit scheinbar leichtem Strich darbietet.

Reduziert. Jutta Bauer lässt in ihren Bildern alles weg, was nicht unbedingt zur Bildaussage gehört. Ein Querstrich in ihrem Buch Opas Engel, etwas Farbe, zwei Schatten bilden den Raum – und schon schwebt der Engel, dem man nicht nur seine Weiblichkeit ansieht, sondern auch seine Mühe, dem sorglosen Jungen, Vater und späteren Großvater über die Klippen des Lebens zu helfen. Jutta Bauer braucht keine Nebengeschichten im Hintergrund, ihr reichen wenige Details, um die Doppelbödigkeit von Situationen aufzuzeigen, den Unterschied zwischen Sein und Schein zu verdeutlichen.
 
Humorvoll und liebenswert. In sieben Jahren ist Jutta Bauer den Lesern der Zeitschrift Brigitte durch ihre Cartoons ein Begriff geworden: Szenen aus dem Frauenalltag, auf den Punkt gebracht und nur leicht übertrieben, humorvoll – aber nie auf Kosten anderer. Diesen Witz aus den 80er Jahren transportieren auch ihre Bilderbücher.
So wie Jutta Bauer mit ihren Protagonisten umgeht, so möchten wir alle wohl wahrgenommen werden – auch und gerade in unglücklichen Situationen oder mit unseren Fehlern. Sehr feinfühlig gibt sie den von Christine Nöstlinger oder Kirsten Boie erschaffenen Menschen Gestalt, bevor sie selbst die Geschichten für ihre Bilder erfindet.
 
Aus dem Leben gegriffen, aus ihrem Leben gegriffen. Jutta Bauer verbirgt sich nicht hinter ihren Bildern. Sie karikiert Selbsterlebtes, Alltag und „pralles Leben“ finden ihren Niederschlag. „Ideen“, so sagt sie, „sind so flüchtig.“ Vielleicht erscheinen ihre Bilder deshalb so skizzenhaft, fast wie hingekritzelt – und dennoch trifft sie mit der spontanen Linie die Situation. Viel von ihrem eigenen Leben, von ihren Erfahrungen und Experimenten findet man wieder. So mag ihr Sohn Jasper den Prototypen des Julian, genannt „Juli“ abgegeben haben, ihr Buch Schreimutter vielleicht eine späte Entschuldigung an eine frühere häusliche Szene sein.
 
Glatte Schönheit ist nicht ihre Sache. Die Königin der Farben ist ziemlich vollschlank, statt Krone stehen ihr wenige Haare in die Höhe, zwei kurze Arme und zwei kleine Brüste vervollständigen ihren ansonsten mit großem Gewand verdeckten Körper. Da kommt kein Verdacht von Eitelkeit auf. Jutta Bauers Bilder überzeugen – nicht nur, weil wir die Situationen kennen, wieder erkennen, sondern weil sie gar keinen Zweifel an der Übersetzung der Realität ins Bild aufkommen lässt!
 
Einer der wichtigen Gründe, Jutta Bauer mit dem Sonderpreis für ihr Lebenswerk als Illustratorin auszuzeichnen, ist: Die Arbeit Jutta Bauers ist aus der zeitgenössischen Bilderbuchwelt nicht wegzudenken. Vor ziemlich genau 30 Jahren veröffentlichte sie ihre ersten zwei Bücher (Der Zauberbäcker Balthasar, Text von Uwe Wandrey, VSA-Verlag 1981 * Gülan mit der roten Mütze, Text von Ilse Ibach, Ravensburger 1981), das vorerst letzte sind Illustrationen zu Gedichten und Texten von Heinz Erhard. Mehr als 70 Titel sind auf dem deutschen und internationalen Buchmarkt erschienen, die ihre Vielseitigkeit und ihren nicht versiegenden Einfallsreichtum belegen.

Die Breite ihrer Themen entspricht der Breite ihrer Leserschaft. Hier finden Kindergartenkinder ebenso wie die Großeltern ihre Lebenswelt wieder. Für die Elterngeneration, zu der Jutta Bauer gehört, thematisiert sie pointiert und augenzwinkernd weibliches Selbstbewusstsein und männliche Rückzugsgefechte. Erstaunlich, dass sie sich zurzeit mit der „Emma-Reihe“ den ganz Kleinen zuwendet.
 
Jutta Bauer erzählt mehr mit dem Bild, aber auch mit dem Text in großer Vielfalt: von der Läuterung einer zunächst herrschsüchtigen und wütenden „Königin“ zur Teamspielerin, von den Ausflügen in den Zen-Buddhismus in Janwillem van de Weterings kleiner Eule, von der zufriedenen Genügsamkeit des Schafes „Selma“, dessen Entstehungsgeschichte fast abenteuerlich[1] ist und deren großer, auch kommerzieller Erfolg nicht vorhersehbar war. Verdient war er allenthalben.
 
Die Liste der Übersetzungen ihrer Bücher ist lang: Portugiesisch, Koreanisch, Dänisch, Arabisch, Japanisch, Hebräisch, selbstverständlich Englisch, Italienisch, Niederländisch und so weiter.
 
Auch andere Medien haben sich ihrer Bücher angenommen: Die Königin der Farben ist vertont, verfilmt und für das Theater dramatisiert, Schreimutter und Opas Engel sind 2002 als Animationsfilme veröffentlicht worden.
 
Wir sprachen zu Beginn von der Nachhaltigkeit der Werke von Jutta Bauer. Sie ist es letztlich, die es der Jury leicht machte, Jutta Bauer mit diesem Preis auszeichnen zu dürfen.

[1] Auf einem Druckbogen war ein wenig Platz, ein schmaler Streifen. Da ein Drucktermin feststand, fertigte Jutta Bauer in nur einer Nacht die Geschichte der Selma. Gedacht war sie als Jahres-Endgabe für Freunde, geworden ist es ihr kleinstes und kommerziell erfolgreichstes Buch.