Jurybegründung

Seit mehr als zwei Jahrzehnten übersetzt Gabriele Haefs Kinder- und Jugendbücher aus dem Norwegischen, Dänischen, Schwedischen und Englischen. Herausragend ist dabei nicht nur die Zahl der Übertragungen – über 200 liegen mittlerweile vor –, sondern auch deren hohe sprachlich-ästhetische Qualität.

Obgleich Gabriele Haefs sämtliche Übertragungen der Bücher Jostein Gaarders angefertigt hat, würde die pauschalisierende Bezeichnung „Gaarder-Übersetzerin“ der enormen Vielfalt von Haefs’ Schaffen nicht annähernd gerecht. Ihre Bandbreite zeigt sich schon an der imposanten Zahl literarischer Gattungen und Formen, mit denen sie sich in ihrem übersetzerischen Werk souverän auseinandersetzt. Adoleszenzromane finden sich hier ebenso wie Sciencefiction-Bücher, dichte Bilderbuchtexte wie die von Ragnar Hovland stehen neben komplex strukturierter, umfangreicher Prosa à la Jostein Gaarder, und im Falle von Klaus Hagerups Buch Die Kaninchen singen in der Nacht erweist sich Gabriele Haefs als glänzende Lyrikübersetzerin.
 
Bemerkenswert ist indessen auch die Vielfalt der Sprachen, aus denen Gabriele Haefs Kinder- und Jugendliteratur überträgt. Die meisten Bücher stammen von norwegischen Autoren, darunter so renommierte Verfasser wie Klaus Hagerup, Unni Lindell, Ingvar Ambjørnsen und natürlich Jostein Gaarder. Einen festen und wichtigen Platz innerhalb Haefs’ Übersetzungsoeuvres hat zudem die dänische Kinder- und Jugendliteratur, vertreten u.a. durch die schräg-phantastischen Romane Bjarne Reuters sowie Thomas Windings Geschichten um den Kleinen Hund Mister. Auch schwedische Kinder- und Jugendbücher sind in diesem übersetzerischen Opus enthalten, beispielsweise Werke von Jakob Wegelius. Nicht minder erwähnenswert sind schließlich Haefs’ brillante Übersetzungen aus dem Englischen, von den Clarice Bean-Büchern der britischen Autorin und Illustratorin Lauren Child über die Rittergeschichten des Amerikaners Gerald Morris bis hin zu den fein humoristischen Kinderbüchern des schottischen Autors Eric Linklater.
 
Mannigfaltigkeit zeichnet Gabriele Haefs’ übersetzerisches Schaffen nicht zuletzt auf der sprachlich-literarischen Ebene aus. Virtuos geht Haefs mit den unterschiedlichsten Erzählstimmen, Dialogformen und narrativen Strukturen um. In der Übertragung des schwedischen Internatsromans Evil von Jan Guillou, in dem Gewalt auf ungewöhnlich direkte Weise thematisiert wird, bewahrt sie die klare und unverblümte Sprache des Ausgangstextes und ermöglicht dadurch eine erschütternde Lektüre. Gleichermaßen geglückt ist Haefs’ Wiedergabe der lakonischen, altklugen und selbstironischen Sprache, die wiederum für die Ich-Erzählerin in Lauren Childs Kinderbüchern Durch und durch Clarice Bean und Hin und weg von Clarice Bean charakteristisch ist. Gabriele Haefs’ Übertragung von Charlotte Glaser Munchs Liebesroman Sommerflügel hingegen zeigt, dass die Übersetzerin auch sanfte Poetizität außerordentlich gekonnt am Leben erhalten kann. Eine weitere sprachliche und literarische Herausforderung, der sich Gabriele Haefs erfolgreich gestellt hat, ist die Vermischung von Prosa und Lyrik in Klaus Hagerups Buch Die Kaninchen singen in der Nacht, einer Variation auf Lewis Carrolls Klassiker Alice im Wunderland mit zahlreichen intertextuellen Bezügen. Haefs vermag es nicht nur, die im Text enthaltenen Nonsensgedichte originell zu übertragen, sondern auch, den – von Hagerup gleichsam geborgten – Geist Carrolls durch die Übersetzung wehen zu lassen. Schließlich muss auch auf Gabriele Haefs’ exzellenten übersetzerischen Umgang mit den verwobenen Erzählebenen und den damit verbundenen wechselnden Erzählhaltungen in Jostein Gaarders metafiktionalen Romanen Sofies Welt oder Das Kartengeheimnis verwiesen werden.
 
Gabriele Haefs verweigert sich in ihren kinder- und jugendliterarischen Übertragungen jeglicher Verniedlichung und Simplifikation und zollt ihrer intendierten Leserschaft dadurch ebenso viel Respekt wie den Adressaten ihrer allgemeinliterarischen Übersetzungen. Zu der von Gabriele Haefs übersetzten Literatur für ein erwachsenes Lesepublikum gehören u.a. die populären Kriminalromane von Håkan Nesser, Anne B. Ragde und Anne Holt, die eigenwillige Prosa des irischen Autors Joseph O’Connor und die skurrilen Bücher ihres Mannes Ingvar Ambjørnsen. Fernerhin ist sie Herausgeberin verschiedener Anthologien mit skandinavischer Literatur.
 
Über ihre übersetzerische Tätigkeit hinaus hat sich Gabriele Haefs auch als Vermittlerin von Kinder- und Jugendliteratur hervorgetan. So ist es ihrem Engagement zu verdanken, dass Klaus Hagerup, Unni Lindell und Eric Linklater für den deutschsprachigen Buchmarkt entdeckt wurden. Für die Vermittlung von Jostein Gaarder und Bjarne Reuter ist Gabriele Haefs zwar nicht unmittelbar verantwortlich, umso mehr aber dafür, dass beide Autoren – durch hervorragende Übersetzungen – im deutschsprachigen Raum enorme Popularität erlangen konnten.
 
Gabriele Haefs hat mit ihrer übersetzerischen Fertigkeit und Vielseitigkeit sowie ihrem Engagement die deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur entschieden bereichert.

Jury:
Dr. Andreas Bode (Vorsitz, München)
Dr. Susann Kreller (Leipzig)
Miriam Gabriela Möllers (Berlin)